Meine Eltern würden mich nicht akzeptieren, wenn sie wüssten, wie ich lebe

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Meine Eltern würden mich nicht akzeptieren, wenn sie wüssten, wie ich lebe

10. August 2018 Beziehung ELTERN frauen_de frauen-de geheimnis Kanada LIFE Lifestyle 0

Die Autorin und ihr Freund Corado.

“Hast du denn jetzt schon einen Freund?”, fragte mich meine Mutter neulich abends während unseres wöchentlichen Telefonats. Ich sah meinen Freund an, der neben mir saß, und mit dem ich schon seit sechs Jahren zusammen bin.

Schließlich beantwortete ich die Frage meiner Mutter mit einem nervösen Lachen. Eine 25-jährige Frau, die noch nie einen Freund gehabt hat  ― ich fragte mich, ob meine Mutter mir das wirklich abkaufte.

Ich hatte meinen Eltern aus mehreren Gründen noch nichts von Corado erzählt. Erstens, weil er kein Koreaner ist. Obwohl ich glaube, dass meine Eltern ihn trotz dieser Tatsache akzeptieren würden. Wenn er nur keine Piercings und einen Studienabschluss hätte.

In ihren Augen wäre er kein passender Partner für mich

Obwohl mein Freund ein intelligenter und netter Mensch ist, der seinen eigenen Weg im Leben gefunden hat, würden meine Eltern mit seinem Aussehen und seinem unkonventionellen Lebensstil nicht klarkommen.

Meine Eltern haben sehr genaue Vorstellungen von jedem einzelnen Aspekt meines Lebens. Dazu gehört auch mein Liebesleben. Corados Aussehen, sein familiärer Hintergrund und seine Lebensweise würden ihn in den Augen meiner Eltern nicht zu einem geeigneten Partner für mich machen.

Meine Eltern haben fast ihr ganzes Leben in Korea verbracht und sind sehr traditionell. Sie haben mich mit Mitte vierzig bekommen. Im Gegensatz zu ihnen bin ich an verschieden Orten der Welt aufgewachsen und in Korea, China und Kanada zur Schule gegangen.

Meine Eltern erzählten mir immer wieder gerne die Geschichte, dass ich ihr “Wunderbaby” gewesen sei. Denn sie dachten damals, dass sie bereits zu alt wären, um noch ein zweites Kind zu bekommen.

Ich bin für sie ein kleines Mädchen

Im Zuge dessen erzählten sie mir auch gerne, dass ich zu früh auf die Welt gekommen sei und dass ich damals weniger als zwei Kilogramm gewogen hätte.

Meine Haut sei so dünn wie Papier gewesen und ich hätte an einer Blutvergiftung gelitten. Doch irgendwie habe ich überlebt. Und seitdem haben sie mich immer als ihr zerbrechliches, empfindliches kleines Mädchen gesehen, das seine Eltern braucht.

Eine weitere ihrer Lieblingsgeschichten ist, wie sie mich am ersten Tag aus dem Krankenhaus nach Hause brachten. Sie haben meiner damals vierjährigen Schwester erklärt, dass sie meine neue Mutter sein müsste, falls ihnen beiden überraschend etwas zustoßen sollte.

Familie ist sehr wichtig und alle Familienmitglieder müssen immer gut aufeinander aufpassen.

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Für meine Eltern musste ich immer noch umsorgt werden

Als ich mich nach meinem High-School-Abschluss dazu entschloss, im Ausland zu studieren, überraschte es mich deswegen auch nicht, dass meine Eltern sich wünschten, ich solle nach Kanada gehen – denn meine Schwester lebte bereits dort.

Ich sollte in dieselbe Provinz und Stadt wie meine Schwester ziehen und sogar auf dieselbe Uni gehen. Die Familie muss schließlich immer zusammenhalten. Und ihr zerbrechliches Frühchen, das mittlerweile erwachsen war, musste immer noch umsorgt werden.

Meine Eltern lieben mich. Das habe ich auch niemals infrage gestellt. Doch ihre Liebe für mich ist so überbehütend und besitzergreifend, dass ich als Kind oft das Gefühl hatte, daran ersticken zu müssen.

“Durch meinen Umzug wollte ich nicht nur einen körperlichen Abstand zwischen mich und meine Eltern bringen. Ich wollte ihnen außerdem beweisen, dass ich auch ohne sie zurechtkam.”

Als ich in Korea eingeschult wurde, hatten meine Eltern Angst, dass ihre kleine, schüchterne, zurückhaltende Tochter keine Freunde finden würde.

Bei einem Elterngespräch fragte meine besorgte Mutter meine Lehrerin, ob ich denn gut mit meinen Klassenkameraden zurechtkäme. Sie erklärte ihr, dass ich sehr schüchtern und zurückhaltend wäre ― zerbrechlich eben. Meine Lehrerin sah meine Mutter an und sagte: “Da kennen sie ihre Tochter aber ziemlich schlecht.”

Ich träumte davon unabhängig zu sein

Momente wie dieser riefen in mir immer mehr den Wunsch wach, eines Tages von meinen Eltern wegzuziehen. Als Teenagerin träumte ich davon, unabhängig zu sein und in ein anderes Land oder eine andere Stadt zu ziehen, wo ich noch einmal komplett neu anfangen konnte.

Ein Ort, an dem ich meinen eigenen Weg einschlagen und vollkommen ich selbst sein konnte. Ohne Angst davor haben zu müssen, meine Eltern könnten nicht einverstanden sein.

Den meisten Jugendlichen reicht es schon, einfach von Zuhause auszuziehen und finanziell unabhängig zu werden. Doch für mich bedeutete dieser Wunsch nach Unabhängigkeit, dass ich so weit wie möglich wegziehen musste. Ich zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass ich Korea früher oder später verlassen würde.

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Ich musste zu meiner Schwester ziehen

Als es an der Zeit war, mir eine Uni auszusuchen, beschloss ich schließlich, in den Westen zu gehen. Ich zog also ans andere Ende der Welt.

Durch meinen Umzug wollte ich nicht nur einen körperlichen Abstand zwischen mich und meine Eltern bringen. Ich wollte ihnen außerdem beweisen, dass ich auch ohne sie zurechtkäme.

Doch wenn ich ans andere Ende der Welt ziehen wollte, musste ich zu meiner Schwester ziehen. Obwohl ich eigentlich gerne unabhängig sein wollte, blieb mir kaum etwas Anderes übrig.

Denn schließlich hatte ich zwei besorgte Elternteile, die davon überzeugt waren, dass ich immer noch das arme, von einer Blutvergiftung gebeutelte Baby war, das sie aus dem Krankenhaus mit nach Hause gebracht hatten.

Ich führe ein geheimes Leben

Wenn es um Entscheidungen in meinem Leben geht, kennen meine Eltern keinerlei Grenzen. Und es ist ihnen egal, dass ich inzwischen eine Erwachsene und kein Kind mehr bin.

Doch wie soll ich Grenzen schaffen, wenn meine Eltern fest davon überzeugt sind, dass ich alleine nicht klarkäme und dass ich immer die falschen Entscheidungen treffen würde, wenn ich mich nicht an ihre Ratschläge hielte?

Ich wohne 6.552 Meilen von meinen Eltern entfernt und führe ein geheimes Leben. Denn so können sie nicht herausfinden, was ich gerade tue. Oder mir sagen, was ich ihrer Meinung nach tun sollte.

Wenn ich etwas erreicht habe, erzähle ich ihnen davon. Damit will ich ihnen beweisen, dass ich unabhängig bin. Doch ich verrate ihnen niemals etwas über meine Zukunftspläne. Ich weihe sie immer erst ein, wenn ich meine Pläne bereits umgesetzt habe.

Viele können meinen Umgang mit meinen Eltern nicht verstehen

Ich möchte meine Eltern niemals enttäuschen, denn sie meinen es ja nur gut mit mir. Ich liebe sie und ich weiß, dass sie mich auch lieben. Mir ist schon klar, dass unsere Beziehung nicht ideal ist. Doch das ist meine Familie und so funktioniert es eben zwischen uns.

“Ich weihe meine Eltern erst in meine Pläne ein, wenn ich sie bereits umgesetzt habe. Ich möchte meine Eltern niemals enttäuschen, denn sie meinen es ja nur gut mit mir.”

Den Großteil meiner Kindheit habe ich in China verbracht, wo ich eine internationale Schule besuchte. Ich hatte dort immer sehr viele nicht-asiatische Freunde. Oft hatte ich den Eindruck, dass die Kommunikation mit ihren Eltern für diese Kinder so viel leichter war als für mich.

Und wenn ich meine eigenen Erfahrungen mit denen meiner Kommilitonen vergleiche, habe ich den Eindruck, dass auch heute noch viele Menschen den Umgang mit meinen Eltern nicht verstehen können.

Ich war immer neidisch, weil es für andere so leicht war, offen sein zu können und von ihren Familien akzeptiert zu werden.

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Sie taten alles für meine Schwester und mich

In meiner Familie sprechen wir nur selten über unsere Gefühle oder unsere Wünsche. Meine Eltern hatten ein sehr hartes Leben. Und sie taten alles dafür, dass meine Schwester und ich es besser haben konnten und später einmal erfolgreich sein würden.

Deshalb hielten sie auch nichts davon, Risiken einzugehen. Und Risiken ließen sich ihrer Meinung nach am besten vermeiden, indem man immer die Menschen um Rat fragte, die nur das Beste für einen wollten.

Mit anderen Worten bedeutete das, dass alles, was Mama und Papa nicht erlaubten, eine Gefahr darstellte.

Ich wollte ihnen immer noch gefallen

Als ich mich dafür entschied, Freie Kunst zu studieren, fragten sie mich, warum ich denn etwas studieren wollte, das mir ihrer Meinung nach später keinen sicheren Job einbringen würde.

Sie machten sich Sorgen um mich und ich hatte Schuldgefühle, weil ich mich nicht für einen Studiengang entschieden hatte, den sie auch gut fanden.

Außerdem bemerkte ich, dass ich zwar von ihnen weggezogen war, dass ich ihnen jedoch immer noch gefallen wollte. Und dass es mich traurig machte, wenn sie meine Entscheidungen nicht guthießen.

Ich ließ mich davon so sehr beeinflussen, dass ich während meines Bachelor-Studiums Wirtschaftswissenschaften als zweites Hauptfach dazu nahm. Doch meine Noten wurden immer schlechter und letzten Endes musste ich sogar ein Semester wiederholen.

Da wurde mir klar, dass ich mich von meinen Eltern nicht so stark beeinflussen lassen durfte.

Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden

Nach diesem Vorfall schwor ich mir, dass ich von nun an alles dafür tun würde, um glücklich sein zu können. Es dauerte nicht lange, da hatte ich bereits in den meisten Bereichen meines Lebens Geheimnisse vor meinen Eltern.

Ich wollte Piercings und Tattoos haben, doch meine Eltern fanden das nicht gut. Und deshalb legte ich mir Piercings und Tattoos zu, die sich gut verstecken ließen.

Ich wollte Hunde haben, doch meine Eltern waren der Meinung, dass Haustiere reine Geldverschwendung seien. Inzwischen habe ich mir zwei Hunde angeschafft und ich nehme sogar an Hundesport-Meisterschaften mit ihnen teil.

Damit verbringe ich den Großteil meiner Wochenenden. Ich wollte immer schon Schriftstellerin werden. Doch meine Eltern fanden, dass man Schriftstellerei nur als Hobby betreiben sollte. Und deshalb wissen sie auch nicht, dass ich heimlich als freiberufliche Autorin tätig bin.

Ich entferte alle Hinweise auf mein geheimes Leben

Als meine Eltern mich anlässlich meiner Bachelor-Abschlussfeier besuchten, zog mein Freund aus und suchte sich eine eigene Wohnung. Er nahm sogar meinen Hund mit (denn damals hatte ich nur einen).

Außerdem entfernte ich alle anderen Hinweise auf mein geheimes Leben. Ich zog nicht mehr meine normalen Klamotten an, sondern kleidete mich etwas farbenfroher.

Für mich war das eine riesige Umstellung, denn eigentlich laufe ich am liebsten komplett in Schwarz herum. Ich nahm meine Piercings heraus und färbte meine Haare in einer annehmbaren Farbe. Ich entschied mich für Rot, denn Blau wäre doch zu verrückt gewesen.

“Als meine Eltern mich anlässlich meiner Bachelor-Abschlussfeier besuchten, zog mein Freund aus und suchte sich eine eigene Wohnung. Er nahm sogar meinen Hund mit.”

Dass es so viele Aspekte in meinem Leben gab, die meine Eltern nicht gut gefunden hätten, zeigte mir, dass sie eigentlich nicht wirklich eine Ahnung davon hatten, was mich wirklich glücklich machte.

Ich konnte es ihnen noch nicht sagen

Nachdem ich schon einmal erfahren musste, wie enttäuscht und missbilligend sie sein konnten, wollte ich dasselbe nicht noch einmal durchmachen müssen.

Für sie werde ich immer ein Kind bleiben. Sie werden mich niemals als Erwachsene sehen, die genauso viel Ahnung von der Welt hat wie sie.

Ich habe noch keinen Weg gefunden, meinen extrem konservativen Eltern zu erzählen, wie mein Leben wirklich aussieht. Vor allem im Bezug auf meinen geheimen Freund, meine geheimen Haustiere und auf all die anderen Geheimnisse, die mich zu dem machen, was ich bin.

Ich konnte ihnen bisher noch nicht sagen, dass all diese Dinge in meinem Leben gute Entscheidungen für mich waren. Auch wenn sie so völlig anders sind als der “ideale Weg”, den meine Eltern sich für ihre Tochter wünschen würden.

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Ich wünschte, ich könnte es ihnen sagen

Ich weiß, dass ich ihnen irgendwann mehr über mein Leben erzählen muss. Ich arbeite bereits daran.

Und ich weiß auch, dass es eine große Erleichterung für uns sein wird, wenn ich es endlich schaffe, ehrlich mit ihnen zu sprechen. Ich hatte nie vor, sie anzulügen.

Doch die Ziele in meinem Leben sind so komplett anders als das, was sie unter Erfolg verstehen. Und bisher habe ich einfach noch nicht den Mut gefunden, ihnen die Wahrheit zu sagen.

Ich wünschte, dass ich ihnen sagen könnte: “Mama, Papa, macht euch keine Sorgen. Mir geht es hervorragend und ich bin wirklich glücklich, so wie ich bin.”

Doch bis ich es an diesen Punkt schaffe, bleibe ich eine 25-jährige Frau, die ein geheimes Leben führt. Mit zwei Hunden und einem Freund, von dem meine Eltern überhaupt nichts wissen.

 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.


Source: HuffPost

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