Türkische Unternehmen in Deutschland

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Türkische Unternehmen in Deutschland

2. Juni 2018 Allgemein Türkei 0

Türkische Unternehmen in Deutschland

Türkische Unternehmen, das ist heute weit mehr als nur Döner. Wir reden von KFZ-Teilen, Baustoffen, landwirtschaftlichen Produkten oder auch der Urlaubsindustrie, um nur einige zu nennen.

Was spielt Erdogan für eine Rolle?

Recep Erdogan mischt mit. Aber anders, als wir es uns denken. Hier haben immer wieder den Vergleich zu Russland im Hinterkopf, wo die Politik die Industrie gen Westen lenkt, um strategische und politische Ziele erfüllen zu können. Doch in der Türkei läuft das anders. Der Staat profitiert mit, steckt aber sonst kaum in den Unternehmen mit drin. Dies ist von Seiten der türkischen Industrie auch nicht erwünscht, denen es ebenfalls darum geht, in Europa einen Fuß im Absatzmarkt haben. Und der Staat ist bei weitem nicht so liquide, um sich in Unternehmen einkaufen zu können. Auch wissen türkische Unternehmen, wie abschreckend es auf dem europäischen Markt wirkt, wenn die Politik aktiv in der Unternehmensgestaltung mitmischt. Hier gehen schnell Einnahmen verloren.

Sind türkische Produkte so gut wie europäische?

Diese Frage beantwortet mitunter der türkische Haushaltsgerätehersteller Beko. Er ist seit einigen Jahren auf dem deutschen Markt und überrascht mit qualitativer Ingenieurskunst. Inhaber Sühel Semerci setzt hier auch in der Produktion auf internationale Partnerschaften. Und ganau dies zeichnet das Bild der türkische Industrie aus. In diesem Fall wird sowohl für einen europäischen Markt, als auch für einen türkischen Binnenmarkt produziert.

Doch in der Technik sind die Möglichkeiten noch nicht vorbei. Ege Organics ist ein Beispiel aus der Textilindustrie, welches in Deutschland einen stetig wachsenden Namen bekommt. Handtücher, Bademäntel oder Bettwäsche konnte man früher schon an jeder Ecke beziehen. Doch diese Firma bezieht aus nachhaltigen Materialien. Weiter wird die Produktionsstätte von Ege Organics mit Solarenergie versorgt. Und auf schädliche Chemikalien wird auch noch verzichtet. Grün ist in der Türkei derzeit eine Farbe, die sich die Unternehmen auf dem Leib schreiben. Und Ege Organics ist bei Grün nicht allein.

Fenix Baustoffe sind noch ein Beispiel. Seit 1998 arbeitet das Unternehmen an nachhaltigen Baustoffen. Anders als in der Textilindustrie sind Chemikalien hier unerlässlich. Doch der Bereich Bauchemie ist hier besonders kniffig und setzt auf effektive und schonende Rezepte, die bereits störende Gerüche aus den Produkten ausklammerten. Auch dieses Unternehmen hat ihren Absatzmarkt bereits auf Europa ausgeweitet.

Patriotisch ja, ultranationalistisch Nein

Die türkischen Unternehmen haben ihre ganz eigene Beziehung zum Land. Viele türkische Unternehmer erhalten ihre Informationen gerne mal aus den Quellen ntv und Welt und sehen ganz offen den Spiegel der türkischen Politik im Fernsehen. Türkische Unternehmer lernen gerade sehr gerne Deutsch, um die Informationen gerade aufnehmen und verarbeiten zu können und sind froh darüber, hier entscheidene Informationsvorteile zu haben, gegenüber den Unternehmen zu haben, die nicht oder nur kaum über Fremdsprachenkenntnisse verfügen. Sie wissen, dass gerade das türkische Staatsfernsehen gerne mal Fakten verdreht oder weglässt. Wie also damit umgehen? Eine Beziehung zum Heimatland ist hier unzerstörbar. Und auch der Präsident trotz allem Wissens um Missstände, Verhaftungen und dezimierter Pressefreiheit eine Instititution, die er auch stets bleiben wird. Erdogan als Person vertritt diese, solange er in dieser Instititution gewählt ist. Die Instititution ist heilig, selbst wenn man die Person darin gerne ausgetauscht hätte.

Doch da eines in das andere übergeht, ist es schwer, nun das eine vom anderen zu trennen. Dies ist dann für viele erst in der Wahlkabine möglich. Jedoch nicht vorher und erst recht nicht laut in der Öffentlichkeit. Hier lässt sich eine Doppelmoral erkennen, weil der türkische Präsident selbst, europäische Staatsoberhäupter, in Abwesenheit, gerne mal ohne Titel und ohne Vor- oder Nachnamen anspricht. Eine Achtung des Titels „Bundeskanzlerin“ sucht man bei Erdogan vergeblich.

Als dies ist türkischen Unternehmern bekannt und sie sehen hier einen Zwiespalt, den sie selbst schwer klären können. Also konzentrieren sie sich auf Produkt und Geschäftskonzept. Und auf die Geschäftsbeziehung zwischen Investor, Produzent und Konsument.

Sie werden der informelle Botschafter des Landes, den es politisch derzeit nicht gibt und kreieren ihre eigene bessere Zukunft mit Europa.