Kinderschutz geht der BILD am Arsch vorbei

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Kinderschutz geht der BILD am Arsch vorbei

7. September 2020 Allgemein 0

Im Juni 2015 bekamen wir einen Brief der Medienanwälte der Axel Springer AG, in welchem wir gebeten wurden, einen Artikel über die Schlagzeilen der BILD-Zeitung zum Germanwings-Absturz herauszunehmen oder abzuändern.

Drohen und Einschüchtern - die miesen Methoden der Bild-Zeitung | Das Erste  - Panorama - Sendungen - 2006

Damals hatte die BILD-Zeitung mit Berichten über die Kinder der Hinterbliebenden versucht, eine Emotionalisierung des Themas herbeizuführen. Probates Mittel waren die Meinungen und Aussagen von Kindern. Feindbild war der Pilot Andreas Lubitz und dessen Depressionen, die als Auslöser des Todesflugs der Maschine beschrieben sind.

Damals schon schien die BILD-Zeitung bei dem Thema überhaupt keine Rücksichtnahme auf Persönlichkeitsrechte von Kindern zu nehmen. Was allein zählte war die größtmögliche Dämonisierung sowohl vom Piloten in Person als auch von Depressionsstörungen.

Wir zeichneten damals ein Bild von einer BILD, in der Menschen mit Depressionen in Nervenheilanstalten zwangseingewiesen werden und in der Kinder (je jünger umso besser) sich ins BILD Mikrofon freuen, wie sicher sie sich doch nun fühlen. Am besten noch, während die Kinder winkend auf die vergitterten Fenster der geschlossenen Anstalt winken.

Unser Resumee damals war, dass BILD-Reporter, mit derartigen Reportagen, eine wesentliche schlimmere Geisteskrankheit, bei sich, offenbarten.

Wir wurden damals gebeten, diesen Artikel zu löschen. Er ist, bis heute, nicht gelöscht, aber nicht aufrufbar. Die BILD-Zeitung macht sowohl zu diesem Thema weiter, als auch gegenwärtig zum Tode von 5 Kindern in Solingen.

Der Whatsapp Verlauf eines 11 Jährigen

Es ging primär auch um einen Anruf eines 11 jährigen Jungen mit einem Jungen im Haus und um einen Whatsapp Verlauf zum Tatzeitpunkt. Und die BILD-Zeitung berichtete.

Namen und Daten waren alles sichtbar. Bis hin zu einem Foto des Jungen.

Der Artikel mit dem Namen „Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte“ wurde, erst nach mehreren Protesten, wieder von der Seite entfernt.

Wortgetreue Zitate aus dem Telefonat waren so gar kein Problem in den Augen des BILD Redakteurs. Wohl auch nicht, vorher überhaupt an den Jungen heranzutreten. Wir stellen uns eine Szene vor, in der er sich neben dem Jungen anschleicht und sagt „Hey! Ich hab gehört, du hast was heißes auf dem Smartphone.“ oder er kommt ganz unschuldig mit „Hey Kleiner! Kann ich mir dein Smartphone kurz ausleihen. Ich geb dir auch 2 Euro Leihgebühr. Für nur 5 Minuten. Mit deinem Handy.“

Uns fällt da noch ein Szenario ein, aber das beschreiben wir hier mal lieber nicht.

Die BILD-Zeitung hat das früher schon gemacht

Als 2009, in der Albertville Realschule, in Winnenden Tim K. Amok lief und mehrere Menschen tötete, überschritt die BILD-Zeitung bereits die Grenzen jenseits aller Moral. Weit schlimmer als nun in Solingen. Die Reporter fotografierten und veröffentlichten, was das Zeug hielt. Mitschüler, Verwandte und Freunde der Toten kamen in die Zeitung.

Amoklauf auf dem Bildschirm - Panorama - Badische Zeitung

Damals schon hatte die Mutter von einem der Opfer klargestellt, dass die BILD gar nicht erst nach Veröffentlichungsrechten fragte. Die Angehörigen wurden fotografiert und abgedruckt, fotografiert und abgedruckt, fotografiert und abgedruckt. Über Wochen.

Kinder wurden auch Wochen später, in der Albertville Realschule, als diese wieder den Schulbetrieb aufnahm, von BILD Reportern angesprochen. Auch Freunde von Tim K. wurden gefragt, ob sie noch irgendein, nicht erwähntes, Detail des Amokschützen preisgeben wollten. Gefragt wurde, ob der Schütze Videospiele spielte, eine Freundin hatte, ob es Abmahnungen gab. Auch trauten sich die Reporter damals herumzufragen, ob der Schütze auf Jungs oder Mädchen stand.

Die Schüler verzichteten irgendwann auf längere Gespräche mit den Reportern. Auch weil die Eltern irgendwann ihre Machtlosigkeit gegenüber Veröffentlichungen kund taten. Der Vater von Tim K. wurde so bedrängt, dass er die BILD-Zeitung zu verklagen versuchte. Die Situation war so schlimm, dass es für die Eltern schon klagefähig gewesen wäre. Doch diese hatten schlimme Verluste zu überwinden. Und der Axel Springer Verlag hat Anwälte, die jedes Verhalten eines BILD Reporters zunächst als „legitim“ bezeichnen.

https://www.zeit.de/online/2009/12/winnenden-medien-kritik/komplettansicht

Bild heuchelt Anteilnahme

Im Artikel fallen dann die Adjektive „rücksichtslos“, „unmenschlich“, „abartig“ oder „grauenvoll“. Dies beschreibt zwar vollends das Verhalten eines BILD Reporters am Schauplatz eines Amoklaufs oder eines anderen Verbrechens. Doch die BILD stellt sich auf die Seite der Opfer gegen vermeintliche Antagonisten. In Solingen ist dieser nicht bekannt, da heuchelt der Reporter, wie sehr er mit dem Jungen mitfühlt, während die BILD alle Daten des Jungen frei veröffentlicht.

In Winnenden oder beim Germanwings Absturz ist der Antagonist klar benannt und bekommt dann auch die entsprechenden Adjektive dazu.

Die Axel Springer AG selbst schickt Anwälte, wenn sie selbst so beschrieben werden. Die haben ja auch das Geld dafür.